Kinder kommen mit der Annahme getragen zu werden auf die Welt!


Menschenkinder werden von der Verhaltensforschung als „Traglinge“ klassifiziert. Wirft man einen Blick auf unser Stammesgeschichte haben Menschen ihre Kinder seit Millionen von Jahren getragen. Evolutionär betrachtet kommen unsere Kinder, mit der Annahme getragen zu werden, auf die Welt. Warum sollten wir es Ihnen dann verwehren? 

Gerne erläutere ich euch die einzelnen Punkte in einer Trageberatung genauer. 

Babys erwarten getragen zu werden!
Für ein Baby bedeutet Körperkontakt und die Nähe zu seiner Bezugspersonen ganz einfach Sicherheit. Dieser Urinstinkt unserer Kinder sicherte ihnen damals das Leben. Denn Babys sind nicht in der Lage alleine zu überleben. Ein Baby braucht einen Erwachsen, der ihm regelmäßig etwas zu Essen gibt, ihm hilft seine Körpertemperatur auszugleichen, es in den Schlaf begleitet und ihm Liebe und Nähe schenkt.
Solange das Baby also Körperkontakt zu seiner vertrauen Person spürt, kann es in der Regel davon ausgehen in Sichheit zu sein, versorgt zu werden und zu überleben. 

Reflexe

Der Greifreflex in den Händen und Füßen, sowie der Momo- Reflex, dienen zum festhalten. (Zugegeben ohne Fell natürlich kaum noch möglich). Dennoch sind sie Überbleibsel aus der Tragezeit von damals. Sie weisen darauf hin, was die Natur für uns vorgesehen hat

     

Tragen als Prävention vor Fehlentwicklung 

Die Hüfte eines Babys ist nach der Geburt noch nicht „fertig“. Das Hüftgelenk muss noch verknöchern. Die optimale Position dafür ist die Anhock-Spreizhaltung. (Siehe Bild). In dieser Position steht der Kopf des Oberschenkelknochens mittig in der Hüftgelenkspfanne und kann optimal reifen. (verknöchern) 
Unsere Vorfahren trugen ihre Babys auf der Hüfte. Dort platziert nahmen die Kinder ganz automatisch die Anhock-Spreizhaltung ein, um sich bestmöglich festzuklammern. Diese Position war gleichzeitig die optimale Haltung für die Hüftentwicklung der Kinder. Auch heute hockt ein Baby ganz selbstverständlich die Beine an den Körper, sobald es hochgenommen wird. Es bereit damit den Sitz auf der Hüfte vor. (4)
 
Tragen wir unsere Baby in der richtigen Haltung, kann der Entwicklung einer Hüftdysplasie entgegen gewirkt werden. (3)


Auch die lagerungsbedingte Abflachung am Hinterkopf eines Babys (Plagiozephalie) hat in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen. Viele Babys werden ausschließlich auf dem Rücken gelagert. Die weichen Schädelknochen der Babys können sich bei dieser einseitigen Belastung verformen. Das Tragen von Babys kann hier als Prävention angewandt werden


Eltern-Kind-Kommunikation und Bindung 

Eltern bemerken beim Tragen die Unruhe ihres Kindes durch kleinste Bewegungen oder Laute ihrer Schützlinge. So können sie sehr früh auf die Bedürfnisse ihrer Kinder reagieren. Zum Beispiel kann in Ruhe ein geeigneter Platz zum Stillen/Füttern gesucht werden, ohne das das Baby bereits schreit als würde es verhungern. Liegt ein Baby dagegen im eigenem Bett oder im Kinderwagen, können die Eltern meistens erst auf ihr Kind reagieren, wenn es sich durch weinen bemerkbar macht. 

Studien beweisen inzwischen, das getragen Baby’s am Tag bis zu 40 % weniger schreien. (1) 


Ein weiterer Effekt wurde in diesem Zusammenhang festgestellt. Eltern, die sensibler auf Ihre Kinder reagieren können, fühlen sich im Umgang mit ihren Kindern sicherer. Und dies stärkt wiederum ihr eigenes Selbstbewusstsein (2) und natürlich die Bindung und das Urvertrauen zwischen den Eltern und dem Kind. 

 

Eine starke Eltern-Kind-Bindung ist für unsere Kinder das Fundament des Lebens. Sicher gebunden Kinder werden schneller selbständig, wachsen zufriedener, entspannter und mit mehr Selbstvertrauen auf. (6)


Ich möchte hier noch einmal anmerken: das Tragen von Babys ist sicherlich nicht der einzige Weg eine gute Bindung zwischen den Eltern und Kind zu erzeugen. Es ist lediglich eine von vielen Methoden, auf die Bedürfnisse unserer Kinder einzugehen. 

 

Frühförderung durch Sinneswahrnehmungen 

Ein Kind was getragen wird erlebt die Welt auf Augenhöhe des Erwachsenen. Es lernt über die Reaktionen des Tragenden verschiedene Situationen einzuschätzen. Es sieht und hört was wir erleben. Es kann alles aus der Umwelt miterleben und erhält auf allen Sinnensebenen wichtige Reize für seinen Entwicklung. Durch die Körpernähe wir dem Kind jederzeit das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit vermittelt. Zusätzlich kann es sich auch einfach abwenden, sich bei uns ankuscheln und verstecken. 

Ein Baby ist beim Tragen immer leicht in Bewegung, es wippt mit uns mit, es gleicht kleine Bewegungen von uns aus und trainiert dadurch ganz automatisch seine Tiefenmuskulatur und das Gleichgewicht. Kein Wunder also, dass die motorische Entwicklung von Babys in tragenden Kulutren, knapp eine Monat weiter ist, als die motorische Babyentwicklung der „schiebenden Kultur.“ (4)

 

Handlungsfreiheit

Auch nicht zu vernachlässigen sind die gewonnen Handlungsfreiheiten für die tragende Person. Ob der Haushalt oder das Geschwisterkind, beide Hände sind frei und der Tragende ist flexibler. Wer stand schon einmal mit dem Kinderwagen vor einem defekten Aufzug?

       

Weil es einfach schön ist

Ich liebe diese Momente, meine Kinder ganz nah bei mir zu haben. Wenn sie sich zufrieden an mich kuscheln. Wenn sie friedlich schlafen oder wenn ich ihnen die Welt erklären kann. Mich macht das Tragen glücklich. Es ist eine so kurze Zeit in der Kinder von uns getragen werden wollen. Wir sollten die Zeit ganz bewusst genießen. 


Für mich ist das Tragen inzwischen selbstverständlich und gehört in unseren Alttag.

 

Gerne klären wir in einer Trageberatung entstande Fragen zu diesem Thema. 


Literaturangaben

  1. Hunziker UA, Barr RG, „Increased carrying reduces infant crying.“ A randomized controlled trail, Pediatrics 1986 May 77 (5): 641-8
  2. Evelin Kirkilionis, „ vom tragen und getragen werden“, Deutsche Hebammenzeitschrift 2001
  3. E Fettweis, „über das Tragen von Babys und Kleinkindern in Tüchern oder Tragehilfen“, Orthopädische Praxis 46 (2), 53-58 2010
  4. Evelin Kirkilionis, Ein Baby will getragen sein: alles über geeignete Tragehilfen und die Vorteile des Tragens, Kösel-Verlag 2014
  5. Dr. med. Herbert Renz-Polster, „Tragen aus kinderärztlicher Sicht“
  6. Dr. Gabriele Haug-Schnabel Verhaltensbiologische Erkenntnisse aus der Mutter-Kind-Bindungsforschung, 2006